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XXIV. seminář ČHäS (24. dubna 2019)
"Český" Medicej a GFH (v němčině)
Händelova busta
od Petra Nováka
 
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„[L’Opere d’Hamburgo] certo sono le più belle che io habbia veduto in Germania“1

Der “böhmische” Mediceer und Georg Friedrich Händel

Pavel Polka

In dem voluminösen, eine beachtliche Verschiedenartigkeit aufweisenden Schrifttum über das Leben von Georg Friedrich Händel erscheint mit fast eiserner Regelmäßigkeit, meist zum Schluß des hamburgischen Kapitels (1703–1706), die Gestalt eines toskanischen Prinzen, der die weitere Karriere des jungen Komponisten beeinflußt hat, indem er ihm anriet, seine Schritte nach Italien, dem Gelobten Land der Musik, zu richten. Über die Identität des Prinzen gab es verschiedene Meinungen. Im Folgenden wird aufgrund von historischen Dokumenten gezeigt werden, daß man es in der Tat mit Giovanni (Gian) Gastone de’ Medici (24./25. Mai 1671 – 9. Juli 1737), ab 1723 dem siebenten und letzten Großherzog von Toskana aus dem berühmten Hause Medici, zu tun hat.2

Gian Gastone de’ Medici (1671–1737). Stich von Georg Martin Preisler (1700–1754) aus dem Jahre 1736 nach einer Vorlage von Giovanni Domenico Campiglia (1692–1762 oder später). Campiglia verfertigte die Vorlage nach einem anonymen im Palazzo Pitti, Florenz, aufbewahrten Ölgemälde aus der Zeit um 1720. Sammlung der Tschechischen Händel-Gesellschaft e.V., Prag: Gr-1/2018-ČHäS.

Die erste Erwähnung findet der “toskanische Prinz” in der Händel-Lebensbeschreibung von John Mainwaring (1724–1807), die in London ohne die Angabe des Verfassers im Jahre 1760 als das erste selbständige Buch über einen Komponisten überhaupt herausgegeben wurde.3 Viele der in dem Buch enthaltenen Informationen dürften ihren Ursprung bei Händel selbst haben, ggf. auch bei John Christopher Smith (1712–1795), seinem Schüler, Sekretär, Kopisten, Gehilfen – wahrscheinlich ist Smith es gewesen, der den ersten Anstoß zur Entstehung dieser grundlegenden Veröffentlichung gab. Schon ein Jahr darauf publizierte Johann Mattheson (1681–1764), Händels Hamburger Jugendfreund und Musikkollege, das Buch in Hamburg auf seine Kosten und in seiner eigenen deutschen Übersetzung.4 Die zeitbedingte Orthographie Matthesons bewahrend, lesen wir dort auf Seiten 35–36:

„Während der Zeit, da Almira und Florindo aufgeführet wurden, befanden sich viele Standespersonen in Hamburg, vornehmlich aber der Prinz von Toskanien, Bruder des Großherzogs von Florenz, Johann Gaston de Medicis.5 Dieser Prinz war ein grosser Liebhaber derjenigen Kunst, welcherwegen sein Vaterland so berühmt ist. Händels Geschicklichkeit in dieser Kunst brachte ihm nicht nur einen Zutritt bey Ihro Durchl. zuwege,6 sondern auch eine Art der Vertraulichkeit: sie beredeten sich sehr oft miteinander, nicht nur wegen des musikalischen Zustandes überhaupt, sondern auch in Ansehung der Komponisten, der Sänger und Spieler, als verdienstlicher Personen an und für sich selbst. Dabey beklagte der Prinz vielmal, daß Händel mit den italienischen Tonkünstlern nicht bekannt wäre; zeigte ihm eine weitläuffige Sammlung ihrer besten Musikalien, und gab ihm ein grosses Verlangen zu erkennen, ihn mit sich nach Florenz zu nehmen. Händel gestund offenherzig, daß er in den vorgezeigten Stücken nichts finden könnte, welches mit demjenigen hohen Werth übereinstimmte, den Se. Durchl. ihnen beygelegt hatten; er sähe dieselben Sachen vielmehr für so was Mittelmäßiges an, daß die Sänger und Sängerinnen, solche angenehm zu machen, nothwendig Engel seyn müsten. Der Prinz lächelte über diesen strengen Ausspruch, und fügte hinzu, daß es nur eine Reise nach Italien kosten würde, um sich zu dem daselbst regierenden Stil und Geschmack zu bequemen. Er versicherte, daß kein Land in der Welt einem jungen Anfänger, zur Anwendung seiner Zeit, vortheilhafter seyn könnte, oder in welchem ein jeder Theil seiner Profession mit mehrer Sorgfalt getrieben würde, als eben in Welschland. Händel erwiederte, wenn dem also wäre, so müste er sich wundern, daß ein so grosses Bestreben nur solche kleine Früchte hervorbrächte; was aber Ihro Durchl. ihm zu verstehen gegeben, und was er bereits vorhin von dem Ruhm der Italiener gehört hätte, würde ihn gewißlich bewegen, die angepriesene Reise zu unternehmen, so bald es ihm nur bequemlich fiele. Darauf ließ sich der Prinz heraus, falls er besagte Reise mit ihm zu thun Lust hätte, sollte es ihm an keiner Bequemlichkeit fehlen. Händel, der nicht gesinnet war, sich dieses Anerbietens zu bedienen, bedankte sich doch für die ihm erwiesene Ehre. Denn er blieb entschlossen, auf seine eigne Kosten nach Italien zu gehen, so bald er nur zu dem Ende einen Vorrath gesammlet haben würde.“

In dieser primären Quelle ist “Ihro Durchlaut” als “der Prinz von Toskanien, Bruder des Großherzogs von Florenz, Johann Gaston de Medicis” definiert, wobei im englischen Original von Mainwaring (S. 39) der hochgeborene Gesprächspartner als “the Prince of Tuscany, brother to John Gaston de Medicis, Grand Duke” auftritt. Obwohl die Übersetzung Matthesons nicht wortgetreu ist, in beiden Fällen begegnet uns eine und dieselbe Person: Bruder des Großherzogs von Toskana. Der in Florenz siedelnde Großherzog von Toskana war zu der gegebenen Zeit Cosimo III. de’ Medici (1642–1723), und er hatte nur einen lebenden Bruder, Kardinal Francesco Maria (1660–1711), der Hamburg nie besucht hat. Cosimo III. selbst hatte in der Hansestadt nur eine kurze Zeit zugebracht (1668). Der toskanische Kronprinz (Gran Principe, d. h. Großprinz) Ferdinando (1663–1713), Bruder von Gian Gastone, welcher 1723 den Thron des Großherzogs von Toskana bestieg, hat unseres Wissens im Gegensatz zu seinem Vater, Cosimo III., den Hamburger Boden nicht einmal betreten. Gegenteilige Behauptungen entbehren gegenwärtig einer einschlägigen dokumentarischen Begründung. Zu Händels Hamburger Zeit gab es nur einen einzigen “wandernden Mediceer” – nämlich Gian Gastone. Vor dem Tode seines Bruders Ferdinando trug er den Titel eines “bloßen” Prinzen.

Weil John Mainwaring und sein Übersetzer Johann Mattheson den Händel geneigten Mediceer in der Lebensbeschreibung des Komponisten von 1760 und 1761 gänzlich irreführend identifiziert haben, ist es in Händel-Forschung und -Schrifttum zu einer langandauernden Ungewißheit, ja Verwirrung gekommen. Die genannten Urheber der unklaren Lage der Dinge hatten offensichtlich keine Überprüfung der mediceischen verwandtschaftlichen Beziehungen vorgenommen. War doch seitdem mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen – das einst bekannte Geschlecht der Medici war mittlerweile (1737 und 1743) ausgestorben und wenigstens teilweise in Vergessenheit geraten. Mainwaring glaubte, das aufgezeichnet zu haben, was er wohl von Händel, Smith oder anderweitig erfuhr; um eine “genealogische” Genauigkeit kümmerte er sich offensichtlich nicht sehr: er identifizierte den toskanischen Prinzen so, wie er momentan in seinem Gedächtnis aufgetaucht war. Mattheson übernahm dann wortgetreu dessen Formulierung, obwohl er sonst in dem Buch mit Wohlgefallen all das kommentierte, womit er nicht einverstanden war. Diese indirekte Bestätigung Matthesons bekräftigte verläßlich genug die Existenz des “Prinzen von Toskanien” in der Biographie Händels. Und die auffällig detaillierte Schilderung der Gespräche des Komponisten mit dem gutmütigen Prinzen trägt wesentlich zur Glaubwürdigkeit des bezüglichen Teiles der Biographie bei.

Bis vor kurzem ersetzten die einen, mit überzeugend lautenden Argumenten, Gian Gastone de’ Medici durch seinen kunstliebenden Bruder Ferdinando7, einen eifrigen Veranstalter von Opernaufführungen, wogegen die anderen Gian Gastone bevorzugten, die richtige Spur bewußt oder unbewußt verfolgend. Um diese Uneinigkeit zu überwinden, war es unumgänglich, von den Hypothesen und Mutmaßungen abzulassen und eindeutige schriftliche Dokumente zur Konsultation heranzuziehen. Das allerwichtigste Dokument stellt diesbezüglich ohne Zweifel der Brief dar, den Gian Gastone in Hamburg am 20. Oktober 1703 an seinen Vater, Großherzog Cosimo III. de’ Medici, geschrieben hat (Original italienisch):

„Es wird Eure Durchlauchtigste Hoheit überrascht haben, daß dieser Brief in Hamburg datiert ist: es hat mich selbst wahrlich fast überrascht, daß ich mich hier wieder aufhalte. Als ich in Leipzig war, regnete es sehr viel, und für eine Rückkehr nach Prag waren die Landstraßen zwischen Leipzig und Dresden beinahe unbefahrbar, abgesehen davon, daß sie größtenteils aus Sand bestanden. Als ich schon auf halbem Wege nach Hamburg war, hatte ich mich entschieden, einen um zehn Tage längeren Urlaub zu nehmen und hierher zu kommen, wo ich die Opern hören werde, welche da jetzt gespielt werden – sie sind bestimmt besser als diejenigen in Italien, was die Instrumente, die Kostüme und das Szenenbild angeht, obwohl die Singstimmen nicht so vortrefflich sind. Es sind sicherlich die schönsten Opern, die ich in Deutschland gesehen habe.“8

Aus den obigen Zeilen ist ersichtlich, daß Gian Gastone de’ Medici in Hamburg spätestens am 20. Oktober 1703 angekommen war, wobei man ihn noch am 14. Oktober 1703 in Leipzig antreffen konnte. Und am 18. April 1704 benachrichtigte Gastones Schwester, Anna Maria Luisa (1667–1743), die letzte Angehörige des in Toskana regierenden Medici-Geschlechtes überhaupt, ab 1691 mit dem in Düsseldorf residierenden Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg (1658–1716) verheiratet, ihren Onkel Francesco Maria de’ Medici über die Abfahrt des Bruders aus Hamburg nach Prag, wohin er schließlich am 1. Mai 1704 angelangt war. Aus dem Erwähnten ergibt sich also der Zeitraum für mögliche Treffen von Gian Gastone und Georg Friedrich Händel in Hamburg: spätestens am 20. Oktober 1703 bis um den 18. April 1704. Nach Werner Braun9 wäre theoretisch ein weiterer Hamburg-Aufenthalt Gian Gastones denkbar: etwa in der zweiten Hälfte 1705. Diese Zeit bedeutet nämlich eine nicht ausgefüllte “faktographische Lücke” in der Biographie von Gian Gastone. Nachher läßt sich keine neue Reise des Prinzen nach Hamburg annehmen. Ein Besuch Händels in Deutschland in den italienischen Jahren 1706 –1710 ist dementgegen nicht hundertprozentig auszuschließen; dazu fehlen leider entsprechende Dokumente oder authentische Nachrichten.

Der mehrmals zitierte Brief vom 20. Oktober 1703 bekräftigt ganz eindeutig eine persönliche Vertrautheit Gian Gastones mit den Hamburger Opern. Diese und manche anderen Erfahrungen hatte er im Verlaufe seiner Kavalierstour gesammelt, die er inkognito, unter dem Namen eines Marquis von Siena, vom April bis November 1698 unternahm. Seine Reiseroute führte zuerst von Böhmen nach Deutschland (München, Würzburg, Frankfurt am Main, Darmstadt, Heidelberg), von Deutschland nach Frankreich (Nancy, Épernay, Paris, Versailles), dann kamen die Niederlande an die Reihe (Brüssel, Brügge, Gent, Antwerpen), wieder Deutschland (Düsseldorf), gefolgt von Holland/Vereinigte Provinzen (Amersfoort, Apeldoorn, Utrecht, Delft, Rotterdam, Haag, Haarlem, Amsterdam); beendet wurde das erlebnisreiche Itinerarium in Deutschland (Hannover, Wolfenbüttel, Hamburg, Berlin, Dresden).10 – In Versailles wurde Gian Gastone in Ehren von Ludwig XIV. empfangen: der Sonnenkönig war ein Cousin seiner Mutter, Marguerite Louise d’Orléans (1645–1721). In Düsseldorf hielt er sich länger am Hofe seiner Schwester und seines Schwagers auf. In Apeldoorn traf er mit dem englischen König Wilhelm III. von Oranien zusammen. Der Besuch in Hamburg war vom 10. bis zum 19. Oktober 1698 begrenzt. In der Hansestadt schrieb Gian Gastone am 16. Oktober einen Brief an seinen besorgten Vater in Florenz.

In der Händel-Literatur, besonders in der älteren, tritt uns bedauerlicherweise in der Gestalt von Gian Gastone de’ Medici immer wieder ein anrüchiger Mensch entgegen, der überall Schande bereitet – ein wahrhaft schwarzes Schaf! Diese verdammende Einschätzung war keineswegs ein Hirngespinst der Händel-Autoren selbst, denn die gewünschten Auskünfte lagen in gedruckten Schriften vor, deren Verfasser prinzipiell der letzten, “verkommenen” Medici-Generation gegenüber voreingenommen, ja sogar verblendet waren. Der letzte mediceische Herrscher von Toskana diente leicht als ein abschreckendes Beispiel für den allmählichen Niedergang der einst mächtigen und prosperierenden Familie von europäischer Bedeutung.

Die negative Einstellung zu Gian Gastone gipfelt in der Händel-Literatur wohl bei Newman Flower (1879–1964) und Hugo Leichtentritt (1874–1951). – Flower führt aus: „Kein größerer Lump streifte um diese Zeit in Europa umher als Gaston de Medici; aber, wie viele Bösewichter, hatte er eine Eigenschaft, um deretwillen man ihm vieles verzieh, und dies war seine Liebe zur Musik. … Es war dieser Taugenichts, der letzten Endes den Anlaß gab zu einem der entscheidendsten Schritte in Händels Leben. … Tatsächlich war Prinz Gaston in ganz Europa als lasterhafter und ausschweifender Mensch bekannt. … [Er] tat nie lange gut; der Trieb zur Liederlichkeit war zu stark.“11 – Und obzwar Leichtentritt den armen Prinzen ein wenig schont, nimmt er dagegen seine Gemahlin aufs Korn: „Giovanni Gastone … war durch frühe Heirat mit einer Prinzessin von Sachsen-Lauenburg nach Deutschland gekommen und residierte auf einem einsamen Schloß in Böhmen. Der ihm widerwärtigen Gesellschaft seiner groben und häßlichen Gemahlin, eines wahren Mannweibs, entfloh der geistig kultivierte junge Mann des öfteren, und zum Ersatz stürzte er sich in den Taumel eines verschwenderischen, leichtsinnigen Lebens.“12 Wie wir auf den nächsten Seiten noch sehen werden, ist Gian Gastone de’ Medici nie ein solcher “Taugenichts” gewesen; sein verzerrtes Portrait bedarf noch immer einer gründlichen Reinigung und vieler einzelnen Korrekturen, was begreiflicherweise nicht der Zweck dieses Artikels sein kann.

Das nahezu legendär gewordene florentinische Haus Medici, das im Wappen die allbekannten roten Kugeln (sog. “palle”) auf dem goldenen Hintergrund trug, tritt in die Geschichte mit dem Namen des Averardo gen. Bicci (1320–1363). Sein Sohn Giovanni di Bicci (1360–1429) begründete die Medici-Bank. Der durch das erfolgreiche Wirken dieser Bank erworbene Reichtum und der sprichwörtliche mediceische Ehrgeiz führten während des 15. Jahrhunderts zu einer prominenten Position der Familie in der Florentinischen Republik. Alessandro de’ Medici (1511–1537), durch dessen Ermordung die Cafaggiolo-Linie des Geschlechtes erlosch, wurde 1532 der erste erbliche Herzog von Florenz und 1569 wurde Cosimo I. de’ Medici (1519–1574), Alessandros Nachfolger an der Spitze des Staates, ein Vertreter der jüngeren Popolani-Linie, der erste erbliche Großherzog von Florenz. Dem Haus Medici entstammen vier Päpste: Leo X. (1475–1521; ein Jahr vor seinem Tod exkommunizierte er Martin Luther), Clemens VII. (1478–1534), Pius IV. (1499–1565) und Leo XI. (1535–1605). Zwei Mediceerinnen heirateten französische Könige: Katharina (1519–1589) Heinrich II. (1519–1559), Maria (1575–1642) Heinrich IV. von Navarra (1553–1610). Viele Mediceer waren leidenschaftliche Kunstliebhaber – sie förderten begabte Schöpfer und sammelten einzigartige Werke, welche bis heute den Stolz von Florenz ausmachen. Die dortigen Medici-Sammlungen, die durch die Bemühungen der Schwester Gian Gastones, Anna Maria Luisa, unverstreut an ihrem ursprünglichen Ort verblieben sind, gehören übrigens zu den umfangreichsten und wertvollsten der Welt; ebenso wie in der Vergangenheit strahlen sie auch in der Gegenwart eine außergewöhnliche Anziehungskraft aus.13

Anna Maria Franziska (1672–1741), ab 1697 Gemahlin von Gian Gastone de’ Medici. Stich von Georg Martin Preisler (1700–1754) aus dem Jahre 1737 nach einer Vorlage von Giovanni Domenico Campiglia (1692–1762 oder später). Campiglia schuf die Vorlage nach einem Ölgemälde von 1726, das Giovanni Gaetano Gabbiani (um 1696–um 1750) zugeschrieben wird. Stiftung Händel-Haus: BS-III,7.

Als Marguerite Louise d’Orléans im Palazzo Pitti in Florenz Gian Gastone de’ Medici gebar, stand seine Familie zwar nicht mehr auf der Höhe des Ruhmes, doch erfreute sie sich fernerhin eines soliden Rufes. Um ein Gleichgewicht zwischen den europäischen Mächten bestrebt, ordnete der Vater von Gastone, Cosimo III., seine Heiratspolitik den toskanischen auswärtigen Interessen unter: all seine drei Kinder (Ferdinando, Anna Maria Luisa und Gian Gastone) wurden durch Eheschließungen mit einflußreichen deutschen Adelsfamilien verbunden. Bei Gastone fiel die Wahl auf die um ein Jahr jüngere Anna Maria Franziska (1672–1741)14, Tochter des Herzogs Julius Franz von Sachsen-Lauenburg (1641–1689), Witwe des Pfalzgrafen Philipp Wilhelm August von Neuburg (1668–1693): der Verstorbene war ein Bruder des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg, des Ehemannes der Anna Maria Luisa de’ Medici. Die Heirat von Gian Gastone und Anna Maria Franziska fand in Düsseldorf am 2. Juli 1697 statt. Nach ihrem Vater erbte Anna Maria Franziska ein riesiges Vermögen in Form von sachsen-lauenburgischen Gütern in Nord- und Mittelböhmen, was sie zu einer der reichsten Bräute im Heiligen Römischen Reich machte.15 Sie residierte meistens auf dem Schloß zu Zákupy (Reichstadt)16 bei Česká Lípa (Böhmisch Leipa), etwa 85 km nördlich von Prag. Anfangs lebten die Neuvermählten in Zákupy, aber Gian Gastone begab sich, wie wir schon wissen, im April 1698 auf seine Kavalierstour.

Die Ehe von Gian Gastone und Anna Maria Franziska hat sich als ein peinlicher Fehlschlag erwiesen. Wegen der homosexuellen Orientierung des Bräutigams17 war das Paar beim besten Willen nicht imstande, den ersehnten Sprößling zu zeugen. So hat der Ehebund sein Hauptziel nicht erfüllt. Weil ihre Wesen überdies vollkommen unterschiedlich waren, hatten die Eheleute den Weg zueinander nicht gefunden und mit der Zeit war zwischen ihnen eine merkliche Entfremdung eingetreten. Anna Maria Franziska war vielmehr der Typ einer unternehmungsfreudigen emanzipierten Frau – ihre Aufmerksamkeit galt hauptsächlich der wirtschaftlichen Verwaltung ihrer ausgedehnten Herrschaftsgüter sowie einer regen Bautätigkeit. Sie liebte das Reiten und legte gern ihre tiefe Frömmigkeit an den Tag. Zu ihren persönlichen Zügen gehörte auch eine angeborene Umsicht bei der Vermögensverwaltung. – Gian Gastone, ein kaum anmutig aussehender dicklippiger Mann, war von ganz anderem Schlag – leichtsinnig, verschwenderisch, wenig verantwortungsbewußt. Unglücklicherweise frönte er dem Hasard, vor allem dem Kartenspiel, so daß er bis über die Ohren in Schulden steckte. Die finanzielle Förderung (“pensione”), die er in regelmäßigen Abständen aus Florenz bezog, reichte zur Deckung seiner Ausgaben einfach nicht aus. Wie es sich bei einem Prinzen aus einer hochgestellten Familie ziemte, mußte er auch sein Gefolge gebührend aushalten. Es kam zu unangenehmen Zerwürfnissen und Gastone suchte alles andere als die Nähe seiner Gemahlin. So war jede Gelegenheit, sich aus dem Wirkungskreis der Anna Maria Franziska zu entfernen, immer mehr willkommen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände sollte auch sein Aufenthalt in Hamburg 1703/1704 (und 1705?) betrachtet werden. Eine definitive Trennung von Anna Maria Franziska wurde schließlich unvermeidlich und Gian Gastone kehrte 1708 dauerhaft nach Florenz zurück. Seine Gattin, die ihm dorthin zu folgen ablehnte, erblickte er nie wieder.18

Nach dem Tode seines Bruders Ferdinando (1713) wurde Gian Gastone toskanischer Kronprinz, nach dem Tode seines Vaters, Cosimo III. (1723), toskanischer Großherzog. Im Gegensatz zu der vorherigen, ziemlich konservativen Regierung Cosimos III. bedeuteten die vierzehn Jahre unter Gian Gastone eine fühlbare Entspannung in Florenz. Trotz seiner zahlreichen praktischen Erfahrungen zeigte Gastone kein großes Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Die offiziellen Pflichten erfüllte teilweise statt seiner die Witwe seines Bruders, Violante Beatrice von Bayern (1673–1731), Tochter des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern (1636–1679). Gepeinigt von immer tieferen Depressionen verbrachte der Großherzog die letzten acht Jahre seines Lebens im Bett. Nach der Thronbesteigung stellte er politisches Bespitzeln ein, hob die Todesstrafe auf, setzte die Preise von Getreide herab. In seiner Jugend spielte er angeblich die Flöte und begleitete auf der Gitarre den Gesang seiner Schwester. In der Kirche Santa Croce (Florenz) ließ er ein Grabmonument für Galileo Galilei (1564–1642) errichten. Er beschäftigte sich sachverständig mit Botanik und Vogelkunde. Neben der Muttersprache und den klassischen Sprachen sprach er gut Deutsch, Tschechisch, Französisch und Spanisch. Bei seinen Aufenthalten in Prag war sein Tschechischlehrer ein gewisser Wenceslaus (Václav) Jandit, Autor der Schrift “Grammatica Linguae Boëmicae, methodo facili”, die 1704, 1705, 1715, 1732, 1739 und 1753 herausgegeben wurde; die Ausgaben von 1704 und 1705 sind Gian Gastone gewidmet und wurden wahrscheinlich von ihm unterstützt.19

Die Hamburger Bekanntschaft Georg Friedrich Händels mit Gian Gastone, dem “böhmischen” Mediceer, bestimmte, wenn auch nur indirekt, die nächste Lebensetappe des jungen Komponisten mit. Der künftige toskanische Großherzog vermittelte dessen Zutritt in die Medici-Familie in Florenz. Die freundschaftlichen Beziehungen Händels mit Mitgliedern des großherzoglichen Haushalts erleichterten sicherlich nicht nur seine Kontakte mit den italienischen aristokratischen und kirchlichen Kreisen, sondern auch mit weiteren europäischen Höfen, welche auf die eine oder andere Weise mit den Medici verwandt waren, sei es ein Besuch des Musikers in Innsbruck bei Karl III. Philipp von der Pfalz-Neuburg (1661–1742) im Jahre 1710, oder in Düsseldorf bei Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg und dessen Gemahlin Anna Maria Luisa, geb. Medici, in den Jahren 1710 und 1711. Die seltenste Frucht der Verbindung Händels mit dem toskanischen Herrscherhaus repräsentiert allerdings des Meisters erste italienische Oper: “Vincer se stesso è la maggior vittoria – Rodrigo”, uraufgeführt, unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Ferdinando, im Teatro del Cocomero in Florenz zu Beginn des Novembers 1707. Zwischen dem 9. und 22. November 1707 folgten fünf Wiederaufführungen des Werkes, das in der kompositorischen Entwicklung Händels mit vollem Recht eine wichtige Stellung einnimmt.


Anmerkungen

1 Übersetzung: „[Die Hamburger Opern] sind sicherlich die schönsten, die ich in Deutschland gesehen habe“. Ein Auszug aus dem in Hamburg am 20. Oktober 1703 geschriebenen Brief von Gian Gastone de’ Medici an seinen Vater, den toskanischen Großherzog Cosimo III. Siehe die längere Zitation aus dem betreffenden Brief im Text des Artikels.

2 Dieser Artikel basiert auf dem Vortrag des Verfassers Der letzte toskanische Herrscher aus dem Hause Medici und Georg Friedrich Händel im Rahmen des XXII. Seminars der Tschechischen Händel-Gesellschaft e.V. in Prag am 26. April 2018. Vgl. auch Pavel Polka, Gian Gastone de’ Medici und das staatliche Schloß Reichstadt bei Böhmisch Leipa. In: Händel-Jahrbuch 1987. 33. Jg. Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik 1987, S. 177–183.
Ein durchaus eruierter, den neuesten Erkenntnissen entsprechender Text über Gian Gastone de’ Medici ist zu finden im Sammelband Gian Gastone (1671–1737). Testimonianze e scoperte sull’ultimo Granduca de’ Medici. A cura di Monica Bietti. I Medici – Studi e scoperte. Giunti Editori, Firenze 2008. Pubblicato in occasione della piccola mostra: Gian Gastone (1671–1737). Testimonianze e scoperte sull’ultimo Granduca de’ Medici. Firenze – Museo delle Cappelle Medicee, 16 luglio – 2 novembre 2008. Es handelt sich um die inhaltsreiche Studie von Patrizia Urbani, Il Principe nelle reti. Tutto è forza d’una fatale necessità, S. 21–140.
Zahlreiche, nach wie vor sehr nützliche Feststellungen ergeben sich aus der relevanten Recherche Georg Friedrich Händel und Gian Gastone von Toskana von Werner Braun im Händel-Jahrbuch 1988. 34. Jg. Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik 1988, S. 109–121.
Vieles, insbesondere in Bezug auf das Leben von Gian Gastone in Böhmen (1697–1708), hat verdienterweise Jan F. Pavlíček in seiner umfangreichen Dissertation von 2013 an der Masaryk-Universität in Brno (Brünn) Pobyt Giana Gastona de’ Medici v Čechách (Der Aufenthalt von Gian Gastone de’ Medici in Böhmen) zum Vorschein gebracht, präzisiert und verdeutlicht.
Der Verfasser dankt seinen Göttinger Freunden Dinah Epperlein, Ezra Wolfhart Kurth und Freimund Pankow für das Durchsehen des Artikels.

3 John Mainwaring, Memoirs of the Life of the Late George Frederic Handel. To which is added, a Catalogue of his Works, and Observations upon them. London: Printed for R. and J. Dodsley, in Pall-Mall. M. DCC. LX.

4 John Mainwaring, Georg Friderich Händels Lebensbeschreibung, nebst einem Verzeichnisse seiner Ausübungswerke und deren Beurtheilung; übersetzet, auch mit einigen Anmerkungen, absonderlich über den hamburgischen Artikel, versehen vom Legations-Rath Mattheson. Hamburg, Auf Kosten des Übersetzers, 1761.

5 Um die Zeit der Aufführungen von Händels Oper “Almira, Königin von Kastilien” (Premiere in Hamburg am 8. Januar 1705) lebte “der Prinz von Toskanien” (= Gian Gastone de’ Medici) in Prag. Seine Anwesenheit in Hamburg, als Händels Oper “Der beglückte Florindo” dort, im Januar 1708, gegeben wurde, ist völlig ausgeschlossen.

6 Die unerläßliche Vermittlungsrolle scheint hierin Sir John Wich (1671–1713), der damalige, mit Mattheson befreundete britische Gesandte in Hamburg, gespielt zu haben.

7 Zu Sammlertätigkeit und Mäzenatentum des Prinzen Ferdinando siehe den Katalog zu der Jubiläumsausstellung Il Gran Principe Ferdinando de’ Medici (1663–1713). Collezionista e mecenate. Firenze – Galleria degli Uffizi, 26 giugno – 3 novembre 2013. Giunti Editori, Firenze 2013.

8 Zit. nach Patrizia Urbani – siehe Anm. 2, S. 83 (Aufbewahrungsort des Briefes: Archivio di Stato di Firenze – Mediceo del Principato 5916, c. 579v).

9 Siehe Anm. 2, S. 113.

10 Die Ortsnamen und Reisechronologie sind nach Jan F. Pavlíček – siehe Anm. 2, S. 196–213, und nach Patrizia Urbani – siehe Anm. 2, S. 71–77, angeführt.

11 Neumann Flower, Georg Friedrich Händel. Der Mann und seine Zeit. Aus dem Englischen übersetzt von Alice Klengel. Verlag von K. F. Koehler, Leipzig 1925. S. 51–52.

12 Hugo Leichtentritt, Händel. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart-Berlin 1924. S. 52.

13 Zur Geschichte des Hauses Medici siehe z. B. Emma Micheletti, The Medici of Florence. Family Portrait. Translated by Paul Blanchard. Becocci Editore, Firenze 1992 (auch 1993, 1995, 1998, 1999). – Über die Medici und Kunst ist zu empfehlen Massimo Winspeare, Die Medici. Das goldene Zeitalter der großen Kunstsammlungen. Übersetzt von Birgit Schneider. Sillabe, Livorno 2000.

14 Die wohl einzige Monographie über Anna Maria Franziska hat der florentinische Antiquitätenhändler und -sammler Alberto Bruschi verfaßt: Anna Maria Francesca, una Principessa boema… una Fiorentina mancata. SP/44 Editore, Firenze 1995.

15 Der andere Teil des sachsen-lauenburgischen Erbes in Böhmen fiel an Anna Maria Franziskas Schwester, Franziska Sibylla Augusta (1675–1733), ab 1690 Ehefrau des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), gen. “Türkenlouis”. – Zuverlässige Angaben zu Franziska Sibylla Augusta enthält die Monographie von Hans-Georg Kaack: Markgräfin Sibylla Augusta. Die große badische Fürstin der Barockzeit. Verlag Friedr. Stadler, Konstanz 1983. Von demselben auch Sachsen-Lauenburg, Böhmen und Baden. Katalog der Sonderausstellung anläßlich der 300. Wiederkehr des Geburtstags von Sibylla Augusta, Markgräfin von Baden-Baden, geb. Prinzessin von Sachsen-Lauenburg. Schriftreihe des Heimatbundes und Geschichtsvereins Herzogtum Lauenburg. Band 18. Mai 1975. Sachsen-Lauenburg und Böhmen. Die Welfen und das Herzogtum Lauenburg. Ratzeburger Buchdruckerei, Ratzeburg 1989.

16 Geburtsort des Komponisten Johann Michael Angstenberger (1717–1789). Christoph Willibald Gluck (1714–1787) erlebte hier die Jahre 1717–1722.

17 Es war gar kein Geheimnis, daß Gian Gastone später in Florenz von einer Schar von Günstlingen (sog. “ruspanti”) umgeben wurde. Diese Günstlingswirtschaft organisierte vermeintlich ein gewisser Giuliano Dami (1683–1750), Gastones langjähriger Liebling und Vertrauensmann. Siehe Alberto Bruschi, Giuliano Dami. Aiutante di Camera del Granduca Gian Gastone de’ Medici. Opus Libri, Firenze 1997.

18 Als literarische Figuren haben Gian Gastone und Anna Maria Franziska sogar die tschechische Belletristik bereichert: Josef Klempera (1926–2011), Příběh velkovévodkyně Toskánské aneb Láska někdy bolí… (Die Geschichte der Großherzogin von Toskana oder Die Liebe tut manchmal weh…). Toužimský & Moravec, Praha 2009 (234 S.). Es geht um eine historische Novelle mit Krimiereignis.

19 Siehe Jan F. Pavlíček – Anm. 2, S. 235–245.